Zeitzeugen zum Kieler Matrosenaufstand im November 1918

Interviews von K. Kuhl mit Martha Riedl, 1990 und 1991

Foto M. Riedl

Jahrgang 1903

In den Jahren um 1918 Mitglied der Arbeiterjugend.
Von 1946 bis 1948 Mitglied der Kieler Ratsversammlung für die SPD

Auszug:
Bei allen Sachen: man ging ins Gewerkschaftshaus, da traf man sich. Und ich ging ins Gewerkschaftshaus. Damals wohnte Eggerstedt im Nebenhaus und den traf ich. Der sagte: Wo kommst du denn her! Ich sagte: Ist Vater hier? Hast du Vater gesehen? Vater ist hier, es ist alles in Ordnung. Und dann sagt er: Bleib man hier, wir können dich gebrauchen. Du weißt ja wo der Peerstall ist? Ich sage: Ja. Der war früher in der Langen Reihe, so ungefähr Höhe Muhls Hotel, war eine Gastwirtschaft. Tatsächlich Peerstall hieß es, weil die Pferde da ausgespannt wurden und die da ins Restaurant, in die Kneipe gingen. Ja sagt er denn bringen wir dich dahin, zu dem und dem, kennst du den? Ja kenne ich. Ja denn ist gut, denn kommst nachher wieder, wir können dich gut gebrauchen. In der Zwischenzeit kam aber alles von der Werft rein, rüber, alles was einen Dampfer zu fassen kriegte, war auf dem Dampfer, die fuhren einfach hin und her. Da war kein Fahrplan mehr. Und die Marine kam von der Wik, Düsternbrook runter. Und die Marine, die strebten nach dem Bahnhof, die wollten nach Hause.

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Interviews von K. Kuhl mit Julius Bredenbeck, 1983 und 1989

Foto J. Bredenbek

Jahrgang 1907

In den Jahren um 1918 Mitglied der Arbeiterjugend.
Später bekannter Gewerkschafter und Sozialdemokrat, persönlicher Referent von Lauritz Lauritzen, der u.a. verschiedene Ministerposten bekleidete.

Auszug:
Allgemein darf man wohl sagen, es war eine Stimmung, die der Verzweiflung sehr nahe war. Man spürte das Ende des Krieges. Man wußte aber nicht aus noch ein, und es gab nun verschiedene Gruppen. In einzelnen Betrieben gab es schon Arbeiterräte, die sich selbst gebildet hatten, ohne Rechtsgrundlage, einfach aufgrund der Stärke der Organisation. Die zum Teil also auch mit sehr großem revolutionärem Pathos an die Arbeit gingen. In anderen Betrieben waren auch Arbeiterräte, die aber mehr daran interessiert waren, notwendige Dinge, Schwierigkeiten in der Versorgung mit Lebensmitteln usw. weitgehend mit zu steuern. Man kann nicht sagen, dass es eine einheitliche Stimmung gab. Das wurde anders als damals die Matrosen Befehlsverweigerung machten. Das führte ja denn zum Zusammenbruch. Da war eine allgemeine Solidarität in der gesamte Kieler Arbeiterschaft feststellbar: in den größeren Betrieben wurde zunächst die Arbeit niedergelegt. Es wurde sich solidarisiert. Die Arbeiter- und die Soldatenräte fanden sich zu Sitzungen zu Gesprächen zusammen im Gewerkschaftshaus.

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Interview von K. Kuhl mit Otto Preßler, 1979

Foto O. Preßler

Jahrgang 1895

Gehörte im Dez. 1918 zu den ersten Mitgliedern der KPD in Kiel.
Nach 1945 Vorsitzender der IG Metall in Kiel und Mitglied im schleswig-holsteinischen Landtag

Auszug:
Noske war in Kiel und denn haben sie da unter der Hand organisiert Demonstrationen von diesen Unteroffizieren der Marine, Deckoffizieren und so weiter. Er war Gouverneur in Kiel und sie sind zu ihm demonstriert, um ihre eigenständigen Rechte hier in Kiel zu sichern. Da hieß es in den Zeitungen - die haben dann gefordert, dass sie ihre Rangabzeichen wieder tragen, Tresse usw. - und in den Zeitungen hieß es, das war die so genannte „Kinkerlitzchen Demonstration“. Ja, das war ein bisschen lächerlich aber der Hintergrund war sehr ernst. Die haben dadurch den Segen von Noske bekommen: „Ihr seid die Stützen der Republik.“ Und die haben dann hier versucht den Einfluss zu haben, auch in der Organisation der Truppe. Dann haben sie Einfluss genommen auf den Geisteszustand der hier bestehenden Formationen der Marine und der Landtruppen.

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Interviews von K. Kuhl mit Jonny Pump, 1980 und 1987

Foto J. Pump

Jahrgang 1900

Deutsch-national, sollte als Rekrut gegen den Matrosenaufstand eingesetzt werden.
War 1920 bei den Zeitfreiwilligen.
Führte später einen Elektroladen

Auszug:
Ich persönlich jedenfalls war damals in Schleswig, in Schloss Gottorf. Erst bei unserem Abmarsch aus Schleswig wurde uns gesagt, dass in Kiel ein Aufstand sei. Und nun sollten wir, woll'n mal sagen da als .. .. den Aufstand (niederwerfen). Wir konnten uns auch nicht vorstellen, ob das nun Arbeiter sind oder Soldaten sind, wussten wir ja nicht. Wir sind losgefahren, verladen und haben Munition und Gewehre empfangen. Und wenn das nun tatsächlich hart auf hart gekommen wäre, dann wäre das ja so gekommen, wir hätten ein Kommando gekriegt: "Ausschwärmen!" und müssen schießen auf unsere eigenen Leute. ... kamen wir mit dem Zug nicht mehr in Kiel rein. Der Bahnhof war besetzt von Matrosen – soweit ich gehört habe – und die hielten den Zug an, so bei der Lübecker Chaussee.
Jedenfalls kamen Verschiedene nicht wieder. Aber das waren ältere Soldaten. Ob die nun orientiert waren? Wir waren ja meistens junge Rekruten. Die Ausbilder waren alte verwundete Frontsoldaten. Die scheinen mehr gewusst zu haben. Jedenfalls waren Verschiedene, die gar nicht wieder mit zurückfuhren. Wir kamen nicht raus. Wir konnten natürlich aus dem Zug aussteigen, aber was wollten wir machen. Es wurde nicht irgendwie kommandiert "Sammeln!" und "Marschieren!" oder so, das wurde nicht getan. Der Zug fuhr wieder zurück. Wir sind nachts wieder in Schleswig angekommen.

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Tagebuch eines Ingenieurs der Germania-Werft

Das Tagebuch wurde von Karl Altewolf auf einem Flohmarkt entdeckt. Die Eltern des Schreibers lebten damals in Rinkenis (Rinkenæs, heute Dänemark), welches 1918 zum Deutschen Reich gehörte. Der Tagebuchschreiber war Beamter des "Bureaus M.K. der Fried. Krupp A.-G., Germaniawerft" und war dort hauptsächlich mit dem Ändern technischer Zeichnungen befasst. Es handelt sich um Nicolaus oder Nikolaus Andersen.

Das Buch wurde 2011 vollständig aus dem Sütterlin übertragen.

Auszug:
(4.11.1918) Mittags 3 Uhr waren etwa 200 Mann Infanterie aus Neumünster mit Masch.Gewehr am Bahnhof eingetroffen, sie hielten um 6 Uhr die Eingänge besetzt. Um 9 Uhr waren die Matrosen Herren des Bahnhofes. Die Soldaten aus Neumünster sind jedenfalls abgezogen. Später kommen plötzlich nach lauten Hurrahs die Infant. Rgmt. Nr. 84 einzeln ohne Waffen aus dem Bahnhof und machten mit den Matrosen gemeinsame Sache. Sie lieferten Gewehre, Munition und Maschinengewehre an die Marine ab. Große Verbrüderung und Hochs auf die Infanterie. Feldgraue Helme wurden weggeworfen, Mützen aufgesetzt und Klamauk gemacht. Später gegen 11 Uhr … Unheimliches Gedränge vor dem Nordportal u. Begeisterung. Hunderte Infanteristen zwischen tausenden Arbeitern, Marines, Zivilisten und – Mädchen und Jungs. Wildes durcheinander befehlen und Klamauk. Alle Marine ist nach und nach bewaffnet.
Um 1 Uhrnach Hause, denn es war kalt. Kaum im Bett, erhebt sich ein mörderliches Schießen. Ich raus. Am Bahnhof menschenleer. Man schießt (angeblich aus dem Hansa-Hotel und zwar von Offizieren) auf die Soldaten. Das Hotel wird erheblich beschossen, desgl. mehre Häuser am Sophienblatt, so Uhrmacher Blunck u. Ecke Lerchenstraße gegenüber auch noch. Als es ruhig, gehe ich durch den Tunnel südl. am Bahnhof entlang. Ein Lastauto kommt Ringstr. u. wird mächtig beschossen von allen Seiten. Leider sind Matrosen die Insassen. Als das Schießen eingestellt ist, findet man einen Obermaat mit Beinschuß und einen Matrosen mit Brustschuß.

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Erinnerungen von Reinhold Jung, 1968

Aufn 1982/83

Jahrgang 1904

Kam im Okt. 1918 nach Kiel, wurde bald Mitglied der Arbeiterjugend. Onkel von Karl-Heinz Köpke, (norddt. DGB Funktionär) der zusammen mit seiner Cousine, einer Tochter R. Jungs, das Material zur Verfügung stellte.

Auszug:
Hier unten erschollen plötzlich Rufe: „Straße frei!“ und vereinzelte Schüsse fielen. Das war etwas für meine Jungensneugier, vom Fenster aus konnte ich eine Straßenschlacht und eine Revolution erleben! Links herunter, wo es zum Hafen geht, wurde geschossen.
Von rechts her, wo das Gewerkschaftshaus war, kam ein Matrose gerannt, der an der mir gegenüberliegenden Straßenecke ein Maschinengewehr aufbaute. Ihm folgte ein junger Arbeiter, der zwei MG-Gurte hinter sich herzog. Und dann tackerte das Maschinengewehr.
Plötzlich erscholl wieder ein Kommando. „Fenster dicht!“ „Nun gut,“ dachte ich und schloß das Fenster, „auch hinter der Scheibe kann ich die Revolution beobachten.“
In diesem Moment stürzte meine Mutter in die Kammer und riß mich vom Stuhl und vom Fenster weg. Aber gleichzeitig klirrten auch die Scheiben und der Raum war mit weißem Staub gefüllt. Voll Entsetzen starrte Mutter auf das Fenster, denn dort, wo gerade eben noch mein Kopf war, war in der Scheibe ein Loch und wie ein Spinnennetz zogen sich Risse über das Glas. Die Kugel des kaisertreuen Deckoffiziers hatte mich nicht ausgelöscht.

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Interviews geführt von Karl-Reinhard Titzek und Tilmann Weiherich, 1975

Aufn 1978

Jahrgang 1896

Interview mit Gertrud Völcker und Auszüge aus ihrem Tagebuch

Damals Angestellte im Arbeiter-Sekretariat der Freien Gewerkschaften in Kiel. Mitglied der Arbeiterjugend seit 1915. Später Vorsitzende der AWO in Schleswig-Holstein.

Auszug:
Die USPD hatte ganz bedeutende Führer – die SPD auch – aber die (USPD) waren konsequenter. Ich bin nie USPD gewesen. Die waren - wenn man heute zurückdenkt – haben sie doch sehr viel recht gehabt. Man hätte sich in Verhandlungen anders verhalten müssen. Aber es ist ja leicht gesagt: Im Augenblick musste gehandelt werden und das Gebot der Rettung des Vaterlandes stand im Vordergrund. Das war das Leitmotiv der Sozialdemokraten. Und die USPD, der Lothar (L. Popp) war USPD-Mann, das waren gute Männer, das waren keine Radauleute.

Es war eine mutige Tat von ordentlichen Deutschen, die das Land nicht in einer noch größeren Krise haben wollten. Es waren ruhige Leute, es waren außerordentlich nette, bewusste und kluge Leute, die nachgedacht hatten. So seh ich die Jungens heute. Es war eine mutige Tat, die Zivilcourage erforderte, eine Revolte, keine Meuterei, und auch keine Revolution.

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Aufn KN 1974

Jahrgang 1884

Interview mit Kapitänleutnant Max Wittmer

Geboren in Kiel, Torpedobootskommandant, im ersten Weltkrieg Lehrer an der Ingenieur und Deckoffizierschule in Kiel-Wik, später Handelsagent

Auszug:
Im Eilmarsch zog er mit seiner Patrouille dem Demonstrationszug hinterher. Bevor er die Kreuzung Karl-, Brunswickerstr. erreicht hatte, hörte er Schüsse. Ein großes Durcheinander erblickte er am Ort des Geschehens. Da seine Leute überrannt zu werden drohten, ließ er Warnschüsse abfeuern. Als auch diese keine Wirkung zeigten, ließ er auf die Beine zielen. Das sei der schwerste Befehl seines Lebens gewesen, berichtete Herr Wittmer. Nach den Schüssen war aber die Straße wie leergefegt. Nur einige Frauen schimpften auf die Männer, was für Feiglinge sie seien. Noch einmal ließ Herr Wittmer einen Warnschuß feuern, dann endlich herrschte Ruhe.

Anmerkung KK: Eine genauere Analyse ergab, dass Wittmer wohl hauptsächlich die Erlebnisse anderer Offiziere wiedergibt. In einigen Fällen offenbaren die archivierten Berichte anderer Offiziere und die Lazarettlisten einen wahren Kern in Wittmers Schilderungen. Insofern gibt es gewisse gegenseitige Bestätigungen, die immerhin ein wenig zur Erhellung der Vorgänge beitragen können. Insbesondere könnten am 3.11. abends tatsächlich nachrückende Einheiten (insbesondere die Einheit unter Hauptmann Peters) auf die Füße und Beine der Demonstranten geschossen haben, um diese endgültig auseinanderzutreiben.

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Jahrgang 1890

Interview mit Louis Streichert

Diente im ersten Weltkrieg auf der SMS "Straßburg"

Auszug:
Zum Beispiel habe ich meinen Eltern geschrieben, dass ich gerne fürs Vaterland sterben würde, und wir den Kaiser an Bord nehmen und mit der ganzen Flotte ruhmreich untergehen. Manchmal hat der einfache Heizer weiter gedacht als der Herr Admiral.
Wir fuhren nicht raus und gaben die Minen in Cuxhaven wieder ab. Dann fuhren wir durch den Kanal in die Ostsee. Als wir nach Kiel kamen, sahen wir die ganze deutsche Flotte. Wir fuhren mit der Kriegsflagge in den Hafen und sahen die Hochseeflotte mit der roten Flagge. Die schweren Dinger richteten ihre Türme auf uns: Und nun Maschinen stopp.

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Kühler Jhrg. 1901
Ingwersen Jhrg. 1892
Pförtner Jhrg. 1914
Interviews mit
Hans Kühler,
Frau Ingwersen und
dem Pförtner des Stadttheaters

Auszug:
Frau Ingwersen: Zweimal wurde unsere Bäckerei von ärmeren Leuten aus der Wrangelstraße, das ist die nächste Querstraße, während der Novemberunruhen überfallen. Da waren auch Leute dabei, die ich gut kannte. Das war besonders unschön, weil es damals Brotkarten gab und ich genauestens abrechnen musste, was ich nun nicht mehr konnte, weil Brot fehlte, aber keine Brotkarten da waren.

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Briefe und Tagebücher aus dem Kieler Stadtarchiv
  Brief von Erh. Müller an Dora

Auszug:
Am Montagabend saß ich gerade beim Abendbrot, als ich vom Wilhelmsplatze her einen tosenden Lärm vernahm. Ich eilte sofort hin um zu sehen, was es gab, und fand den großen Platz gedrängt voll von Matrosen die dort unter Mitführung von roten Fahnen, die Befreiung von 80 Meuterern
feierten und Ansprachen hielten, die meistens in Lärm untergingen.

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  Auszug aus dem Tagebuch einer 18-jährigen Kielerin

Auszug:
Dann kam die Nacht von Montag auf Dienstag. Da war es schrecklich. Dauernd wurde geschossen. Viele Menschen haben wohl kaum geschlafen. Der darauf folgende Tag war noch ebenso schlimm. Besonders nachmittags wurde unheimlich viel geschossen. Das heisst, das lag zum Teil daran, dass die Leute alte franzoesische Gewehre hatten, die keine Sicherung haben und sehr leicht, oft sogar bei der geringsten Beruehrung von selbst losgehen. Ausserdem macht es wohl vielen jungen Matrosen Spass, recht viel zu knallen, Loecher in die Luft zu schiessen und die Menschen bange zu machen.

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Interviews auf www.vimu.info

Foto Ersnt Busch 1920

Jahrgang 1900

Ernst Busch: Interviews und Tagebucheintrag

Mitglied der Arbeiterjugend in Kiel seit 1916. Später Karriere als Schauspieler und Sänger.

Auszug:
Und dann kamen wir hier oben an dieses große Vergnügungslokal, an der Ecke Brunswicker- und der Karlsstraße, da war eine Barriere gemacht von ... Unteroffiziere, Feldwebel, die hatten quer über die Straße so eine Barrikade gemacht. Davor stand ein Leutnant mit erhobenem Degen, der immer sagte: „Zurückbleiben, ich lasse schießen. Zurückbleiben, ich lasse schießen.“ Aber, von hinten wusste es ja keiner. Und die drängten natürlich die Masse immer näher ran. Man konnte nicht so schnell da weg. ... Erst gab es eine Salve, wo nichts war. Die schießen, die haben doch Platzpatronen, wurde uns erzählt. Und nun drängten auch alle, die Matrosen ja, es waren ja auch Zivilleute dabei. Von beiden Seiten kamen die dann und wollten in diese Straße hinein. Und da hat er dann wirklich schießen lassen.

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Jahrgang ca. 1899/1900

Berichte von Wilhelm Kleineweber

Angehöriger der 1. Torpedodivision

Auszug:
Und so marschierten wir in die Feldstraße und zwar bis zum langen Segen, ... Und da war eine Kette gezogen von Schutzleuten, Schutzleuten von der blauen Schutzmannschaft in Kiel. ... Wie der Zug nun kam, wurden die Schutzleute sofort blitzartig aufgerieben und die türmten in den Langen See hinein. Und dann ging der Leutnant Steinhäuser vor uns vorweg zu der Spitze des Zuges, das war ein unheimlich langer Zug gewesen, man sprach von 20.000 Mann. ... Und dann ging der Leutnant Steinhäuser vorweg und mahnte, sie sollten vorsichtig sein, sie sollten zurückgehen und sofort und soweiter und dann ist ein Schuss gefallen. Woher der Schuss gekommen ist, kann ich Ihnen nicht sagen, man hat einmal festgestellt, der Schuss soll von uns aus gekommen sein. Ich kann es nicht bestreiten, ich glaube es aber nicht. Ich glaube eher, dass er aus der Menge gekommen ist, die waren ja alle bewaffnet schon. Jedenfalls wurden wir überrumpelt. Der Leutnant Steinhäuser kriegte, soweit ich das mitbekommen habe, einen mit dem Kolben über den Schädel und er wurde dann in dieses Lokal neben dem Stadtcafe hineingeschleppt und wir waren der Meinung, sie hätten ihn totgeschlagen.

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Weitere Berichte (in der Literatur, Manuskripte, etc.)
Jahrgang ca. 1876 ?

Emil Alboldt: "Die Tragödie der alten deutschen Marine - Amtliches Gutachten erstattet vor dem Untersuchungs-ausschuß des Deutschen Reichstags", Dt. Verlagsges., Berlin 1928

Alboldt (Vorsitzender des Deckoffizierbundes) beschreibt an zwei Stellen in dem genannten Buch die Vorgänge in Kiel. In der Einleitung erläutert er die Aufstellung der Eisernen Brigade, um Berlin und dem Reich eine "unbedingt zuverlässige und kampfkräftige Truppe zur Verfügung zu stellen." "... trotz heftigsten Widerstands der Führer des Obersten Soldenrates in Kiel".
Ab S. 152 beschreibt er die Vorgänge in Kiel ab dem 3.11.1918: "... Besatzungen ... schlossen sich dem zunächst gar nicht so großen Versammlungszuge mehr und mehr an. Fahnen und dergleichen waren im Zuge, der übrigens vollkommen unbewaffnet war, nicht zu sehen als ich ihn vorüberziehen sah in der Richtung nach der Arrestanstalt." Etwas weiter unten heißt es: " ... hatte sich .... den ganzen Nachmittag kein einziger Seeoffizier auf der Straße sehen lassen. ... Patrouillen ... standen ausschließlich unter dem Kommando von Deckoffizieren und Portepeeunteroffizieren. Nur am Eingang der Straße zur Arrestanstalt kommandierte ein Offizier - ein junger Leutnant vom Seebatallion, der, als der Zug nicht Abstand davon nehmen wollte, zur Arrestanstalt weiter zu ziehen, feuern ließ."

Jahrgang 1867

Martin Niemöller: "Vom U=Boot zur Kanzel", Warneck, Berlin 1930

Niemöller beschreibt in diesem Buch in einem kurzen Kapitel, wie er als U-Boot Kommandant mit der UC 67 und weiteren Booten von Pola (Stützpunkt in der Adria) kommend am 25.11.1918 in Kiel einläuft. Der Verband fuhr unter Kriegsflagge in Kiel ein. Noske, der ihnen im Stationsmotorboot entgegenkam, wurde ignoriert. Niemöller schreibt: "In den folgenden Tagen branden die Wellen der Revolutionspsychose gegen uns an: es müssen auf jedem Boot Vertrauensleute zum Soldatenrat gewählt werden." Dabei wurden nach seiner Einschätzung "die minderwertigsten Leute oder die lautesten Schreier" gewählt. Die meisten Besatzungsmitglieder wurden dann sehr schnell nach Hause auf Urlaub geschickt.

Informationen über M. Niemöller z.B. auf Wikipedia >>

Jahrgang ca. 1913 ? Dorotheé Domabyl: "Revolution in Kiel", aus: Willy Diercks (Herausgeber) „Kindheit und Jugend in Schleswig-Holstein 1900-1950 – op Platt vertellt“, Verlagsanstalt Boyens, Heide, 1991, S. 174-175

Frau Domabyl beschreibt wie sie als kleines Mädchen schwere Kämpfe im Gebiet zwischen Bergstraße, Fährstraße (heutige Legienstraße) und Fleethörn vermutlich zwischen Revolutionären und Marineoffizieren miterlebt hat. "Lange hat das aber nicht gedauert, dann kamen sie auch in unseren Hof. Da haben sich die Mariner versteckt, in den Häusern, in den Kellern, auf den Dächern hinter den Schornsteinen. Mit einem Mal ging die Tür auf und ein Decksoffizier sagt zu meiner Mutter: 'Beste Frau verstecken Sie mich' Sie hat ihn dann auf den Boden gebracht. Da ist er bis in die Nacht geblieben. (Übersetzung aus dem Plattdeutschen von KK)".

Beschreibung der Kämpfe am 5.11.1918 siehe unter "Timeline" >>

Jahrgang 1893 Hermann Knüfken: "Von Kiel bis Leningrad - Erinnerungen eines revolutionären Matrosen 1917 bis 1930", Herausgeber Andreas Hansen zusammen mit D. Nelles, BasisDruck, Berlin 2008

Den Kieler Matrosenaufstand erlebt Knüfken in der Arrestanstalt in der Feldstraße, wo er wegen zweimaliger Desertion und des Vorwurfs der geheimdienstlichen Tätigkeit einsaß. Er wird zusammen mit den aufständischen Matrosen befreit und beschreibt auf knapp zwei Seiten die Ereignisse. Er hält sich hauptsächlich im Stationsgebäude, als Angehöriger eines Soldatenrats auf. Er nahm offenbar teil an Sicherungsmaßnahmen auf dem Bahnhof. Am 5.11. fährt er nach Brunsbüttel, um dort den Aufstand im II. Geschwader mit zu organisieren.

In der Morgenausgabe der Kieler Zeitung vom 8.11.1918 heißt es:
"Wir werden um Aufnahme folgende [!] Erklärung gebeten:
Der als erster politischer Gefangener befreite Vermessungsgast Herman Künfken [!] wurde am 22. Dezember 1917 wegen Fahnenflucht im Felde und im Komplott zu 15 Monaten Zuchthaus verurteilt. Er hat jetzt vor einem Soldatenrat die Erklärung abgegeben, dass er damals nur in politischem Interesse gehandelt und weitere Auskünfte verweigert habe, um nicht Kameraden in Mitleidenschaft zu ziehen. Der Befreite ist jetzt auf Peilboot 1 als Vertrauensmann gewählt worden."


Foto Wikipedia

Jahrgang 1868

Gustav Noske: "Von Kiel bis Kapp", Verlag für Politik und Wirtschaft, Berlin W. 35, 1920

"Als mittags die Vetrauensleute der verschiedenen Formationen sich im Saal der Station einfanden, um mit mir die Lage zu besprechen, ... ... musste der Versuch gemacht werden, sobald wie möglich wieder zu einem ordnungsmäßigen Zustand zurückzugelangen. Ich schilderte den Leuten die Sachlage, so wie sie mir erschien und besprach ... den entsetzlichen Zustand, in dem sich unser Volk ... befinde und leitete dann ... dazu über, unter welchen etwaigen Voraussetzungen der Kieler Meuterei, die ich persönlich aufs schärfste verurteilte, ein Ende zu machen sei. Daß politische Reformen, für die man sich erhoben habe, erfüllt würden, sei selbstverständlich. Über eine Amnestie werde die Regierung mit sich reden lassen.
Meine Darlegungen machten auf die Leute sichtlich tiefen Eindruck. Artelt, der dazwischen fahren wollte, erhielt von mir einen Dämpfer. Die Reichstagsabgeordneten Hoff und Dr. Struwe, ... haben mir später wiederholt versichert, daß sie niemals eindrucksvollere Darlegungen gehört hätten. Eine Diskussion ließ ich nicht zu, sondern riet den Leuten, mit ihren Kameraden das Gehörte durchzusprechen und dann die Schlußfolgerung in einer großen Vertrauensmännerversammlung zu ziehen, die gegen Abend stattfinden sollte.
In der Versammlung im Schloßhof am späten Nachmittag ... ... es waren an tausend Mann anwesend. ... Redner wurden mitten in ihren Ausführungen ... unterbrochen und [es] redete ein anderer ... drauf los. ... Nach ein paar Stunden bekam ein beträchtlicher Teil die Sache satt und ging davon. Schließlich wurde die Versammlung ohne Resultat geschlossen." (S. 23-24)

Popp schreibt jedoch in seinem (unter Mitarbeit von Artelt) im Dez. 1918 erschienen Buch: „ … gab Abgeordneter Noske die Bedingungen der Regierung bekannt. … Noske gab zu bedenken, dass die Bewegung zwar in Kiel gesiegt habe, dass aber, da sie isoliert sei, ihr doch große Gefahren drohen, … Der Vorsitzende des Arbeiterrats Garbe und ich führten aus, dass wir doch noch Zeit haben zu warten … Nicht die Regierung hat Bedingungen zu stellen, sondern wir. Es wurde dann einstimmig beschlossen, das Angebot abzulehnen. Es wurde dann der Antrag gestellt, da anscheinend Haase oder Dr. Cohn verhindert würden, nach hier zu kommen, einen anderen Vertreter der Unabhängigen an die Seite Noskes zu stellen, um die Parität zu wahren. Dem wurde zugestimmt und die Wahl vollzogen.“


Foto: DSK

Jahrgang 1898

Frederik Matzen aus Gråsten/Gravenstein (vor dem ersten Weltkrieg zu Deutschland gehörig), berichtet in zwei Artikeln des Jahrbuchs dänisch gesinnter ehemaliger Kriegsteilnehmer (DSK) über seine Erlebnisse während des Matrosenaufstands in Kiel. Die Berichte wurden 1963 bzw. 1967 als „Ein 45 Jahr Mahnmal“ und „Verurteilt vom Soldatenrat der SMS 'Mars' […]“ abgedruckt. Matzen fuhr später als Kapitän bei der dänischen Reederei J. Lauritzen. Im 2. Weltkrieg führte er verschiedene Schiffe in alliierten Geleitzügen. Er befand sich zur damaligen Zeit an Bord der „SMS Mars“, ein Ausbildungsschiff für U-Boot Mannschaften, das in Kiel-Wik lag. Er beschrieb die Vorzeichen, die im letzten Kriegsjahr unübersehbar wurden: Auf Durchhalteveranstaltungen weigerten sich die Mannschaften, die üblichen Hurras auf den Kaiser auszubringen und die Offiziere sanken „als kleinlaute Herde“ auf ihre Stühle zurück. Während die Mannschaften mit einem ¾ Liter Wassersuppe auskommen mussten, erhielt der Hund eines Offiziers einen fast vollen Eimer derselben Suppe. Am 4.11. wurden die Mannschaften im Eilmarsch nach Kiel geführt, um die Rebellion niederzuschlagen. Der Marsch endete auf dem Kasernenplatz der Matrosendivision. Nach langem Warten gaben die Offiziere die Kapitulation bekannt und setzen sich schnellstens ab. Als erstes wurden daraufhin die Lager geplündert. Matzen schildert weiter, wie das Setzen der roten Fahne auf der "Mars" und die Vertreibung der Offiziere von Bord durch einen Zerstörer erzwungen wurden, dessen Besatzung mit einem Torpedo in den Maschinenraum drohte.
Im zweiten Artikel beschreibt er, wie er das Schiff verließ und nach Gravenstein zurückkehrte, weil er dem überhandnehmenden Trinken und dem Lärm entkommen wollte. Da man aber Jüngere noch nicht entlassen wollte, wurde das als Fahnenflucht ausgelegt. Er stellte sich selbst und wurde vom Soldatenrat der „Mars“ zu 7 Tagen Haft in der Arrestanstalt in der Feldstraße verurteilt. Als Ankläger fungierte ein Feldwebel, der Mitglied im Soldatenrat war und mit dem Matzen sich früher schon einmal angelegt hatte. Nach Intervention eines Kameraden wurde seine Strafe auf 5 Tage verkürzt und er durfte sie bei winterlicher Kälte in den Ballasttanks der „Mars“ absitzen. Danach wollte er dem weiteren Leben an Bord der „Mars“ entgehen, indem er sich freiwillig für die Überführung der Kriegsschiffe nach Scapa Flow meldete. Doch das wurde nicht angenommen, aber ein weiteres Gesuch zum Minenräumen in der Ostsee war erfolgreich und er wurde nach Stettin entlassen, um an Bord eines Minenräumschiffes zu gehen.
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Foto Alfred Schwabe

Jahrgang 1892

Alfred Schwabe war U-Boot Fahrer und wurde im September 1918 von Cattaro nach Kiel abkommandiert, um an einem Lehrgang in den Zeiss-Werkstätten teilzunehmen. Er war auf dem Wohnschiff SMS "Mars" untergebracht. Er berichtet in einem achtseitigen Manuskript, das er vermutlich in den 1950/60er Jahren erstellt hat, über seine Erlebnisse während des Kieler Matrosenaufstands.

Als ich mit Matrosen der grossen Schlachtschiffe, der Kreuzer und der immer in See stehenden Torpedoboote bekannt wurde, spürte ich dass dort ein anderer Wind wehte, als auf unserem U-Boot. Bei uns war des ganze Boot auf jeden Einzelnen angewiesen, von Offiziersdrill war nichts zu spüren. Aber des furchtbare Völkermorden hatten wir trotzdem satt, die Sehnsucht nach Frieden war vorherrschend. Als ich auf Urlaub kam, kannte ich meine Eltern kaum noch, so abgemagert und verbissen waren sie, und wir versenkten im Mittelmeer Schiffe und wieder Schiffe, gefüllt mit Lebensmitteln aus Amerika. ... Am Morgen ... erhielt unser Lehrgang, es waren gegen 40 Maate und 10 Obermatrosen, Pistolen und Munition ausgehändigt. Wir marschierten nach der Werftdivision Kiel - Wik. ... Wir marschierten diagonal über den Exerzierplatz. An der rechten Ecke am Hafen standen 150 - 200 Matrosen bei einer Versammlung. Wir wurden in die Turnhalle geführt. Ein junger Leutnant hatte das Kommando und hielt eine Ansprache. Heldentum und Treue zu den Offizieren, Kampf gegen die Meuterer war der Inhalt. ... Minuten war es kirchenstill. Plötzlich ein Gebrüll von weit her, aber es kam näher und näher. "Achtung, Ächtung! Pistolen laden und sichern!“ Im Flüsterton bei den Obermatrosen: "wir schiessen nicht, wir schiessen nicht“. Gegenzug rechts! Marsch! Zur Turnhalle hinaus!“ Wir Obermatrosen waren am Schluss des Zuges und somit den anstürmenden teils bewaffneten Matrosen am nächsten. Es waren die, welche die Versammlung auf dem Exerzierplatz durchführten. Etwa 10 mtr vor der Menge liefen 2 Matrosen und riefen uns zu: "Kameraden werft die Waffen weg oder kommt mit den Waffen zu uns, schiesst nicht auf Eure Kameraden. Nieder mit dem Krieg! Nieder mit den Kriegsphantasten!“ Achtung! Achtung! Feuer, brüllte unser Leutnant. Eine Anzahl Schüsse fielen, aber ich habe nicht gesehen, dass einer getroffen war. Ich war nicht einen Moment unschlüssig; schon zogen wir die anderen zu uns herüber bezw. hinüber. „Los rüber, Schiet op den Krieg! Ein Teil der Maate schloss sich an. Es fielen wieder Schüsse von unserem linken Flügel der Maate oder dem Leutnant; denn 2 übergelaufene Maate waren getroffen und wurden fortgetragen. Der Leutnant war aber plötzlich spurlos von der Bildfläche verschwunden und hat nie wieder in Kiel unseren Bug gekreuzt. Wir, der verstärkte Haufen, rannten nun in die Kasernenblocks, riefen den Matrosen unsere Parolen zu und forderten sie auf, uns zu folgen. Viele schlössen sich an, ein Teil verhielt sich passiv. Offiziere waren eigentlich wenig da und die anwesenden wurden teils mit Güte, teils mit Gewalt, abgetakelt, d. h. die Epauletten und die Konkarden abgemacht. Und so ging es etwa 15 Häuserblocks durch, der Haufen wurde immer grösser und grösser. Leider waren aber auch schon die Räuber am Werk; denn aus den Kleiderkammern und Magazinen stürzten gefüllte Seesäcke aus den oberen Etagen und wurden fortgeschleppt. Aber das liess uns z.Z. kalt. Wir stürmten weiter. Nachdem alle Kasernenbauten abgekämmt waren, eilten wir an die Hafenmole. Zwei Torpedoboote wurden durch Schüsse und Zurufe aufgefordert die rote Flagge zu hissen. Es waren die ersten Schiffe, welche in Kiel die rote Flagge am Mast hochzogen. Leider sind mir die Nummern entfallen. Viele Boote folgten; Pinassen fuhren mit roter Heckflagge zu den dicken Kasten und forderten sie auf sich uns anzuschliessen. Starkbesetzte Boote brachten immer mehr revolutionäre Truppen an Land. Mein Wohnschiff, der älteste Kasten der Marine SMS "Mars“ (Bordwände aus Holz) hatte 1866 gegen die Dänen mitgekämpft, setzte sich lange zur Wehr. 2 rote Matrosen mit weisser Parlamentärflagge wurden zum Verhandeln an Bord geschickt und erreichten, dass doch eindrucksvoll die Kriegsflagge gestrichen wurde und die rote Flagge am Mast hochging. Ein grosser Teil der Matrosen zog durch die Strassen von Kiel und es erfolgte eine systematische Entwaffnung der Offiziere. Das Abtackeln war manchen Matrosen eine wahre Wollust, konnten sie sich doch für Drill und Erniedrigungen rächen.

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Jahrgang ca. 1895 (geschätzt)

Karl/Carl Bock: kam vermutlich aus Berlin und diente während des Ersten Weltkriegs als Matrose (?) auf der SMS MARKGRAF. In einem Brief an seine Schwester vom November 1918 und in einem ergänzenden Bericht beschreibt er die Ereignisse. Die Dokumente liegen im Berliner Landesarchiv.

Es war einstimmig beschlossen worden, keinen Vorstoß zu machen, das hatten wir durchgesetzt.
Am anderen Mittag fuhren wir nach Kiel , Auf der Fahrt hatten wir die vollen Beweise, daß doch etwas geplant war. So liegen wir jetzt im Kieler Hafen. Übrigens kam eine Verfügung vom Flottenchef, die besagte, daß unsere Beunruhigung jeder Grundlage entbehre. Heute haben sie in aller Heimlichkeit 80 Mann [Laut Marineakten handelte es sich "nur" um 47 Verhaftete] wie die schwersten Verbrecher an Land gebracht, so daß wir es leider zu spät erfuhren, schon jetzt in Untersuchung. Zu uns sagten die Offiziere, abkommandiert nach den Außenforts, wegen zu lange an Bord. Das wird wohl nicht so vorüber gehen, die Sache kommt sicher vor den Reichstag. Man kann hier allerhand erwarten. Also wundere Dich nicht, wenn mir etwas gleichartiges passiert. Jedenfalls kämpfen wir für den Frieden, für unser Leben, und wollen keinen Heldentod. Solche Vorgänge hat die Flotte noch nicht gesehen.

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Jahrgang 1887

Fritz Fabian kam aus Oberschlesien und diente während des Ersten Weltkriegs als Unteroffizier auf SMS KRONPRINZ WILHELM. In seinen Revolutionserinnerungen, geschrieben vermutlich in den 1920er Jahren beschreibt er die Ereignisse von Ende 1918 bis etwa 1920. Das Dokument wurde von einem Nachfahren in EUROPEANA eingestellt und für unsere Webseite transkibiert und kommentiert.

Der Schreiber hatte ein konservatives und nationalistisches Werteverständnis. Viele der berichteten Details halten einer Überprüfung nicht stand. Fabian versuchte – auch wenn er ihnen (eher indirekt) mangelndes Durchgreifen vorwarf ein positives Bild der Seeoffiziere zu zeichnen. In einer mehr nebensächlichen Anmerkung kommt jedoch ganz grundsätzliche Kritik zum Vorschein: „Bei dieser Gelegenheit [Überführung des III. Geschwaders nach Kiel ohne dass die Offiziere sich an der Schiffsführung beteiligen durften] mag wohl manchem jungen Offizier die Erkenntnis gekommen sein, daß es nicht allein nur tüchtige Offiziere, sondern auch hervorragend tüchtige U.O. gab, deren Tüchtigkeit und Fähigkeit aber nie in gerechter Weise eingeschätzt wurden. […] Wäre dieser Dünkel nicht vorhanden gewesen und wäre die Selbstüberhebung der jüngeren Offiziere nicht systematisch genährt worden, ich glaube, das Seeoffizierkorps und überhaupt die ganze Marine hätte sich vielleicht besser dabei gestanden. Ich erwähne das nur so nebenher.“

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Zeitzeugenberichte aus dem Nachlass Dirk Dähnhardts (in Bearbeitung)
Zur Verfügung gestellt von seiner Frau Ursula Dähnhardt

Übersicht des vorhandenen Materials, das nach und nach veröffentlicht wird.

Interviews und Gespräche:

Lothar Popp (bereits veröffentlicht >>), Otto Preßler, Jonny Pump, Gertrud Völcker, Max Wittmer, Wilhelm Kleineweber, Karl Jonas (siehe unten), Ernst Wilske, Hans Schulz, Heinrich Dibbern, Walter Fiegert, Walter Mund, (Heinrich Bohnsack).

Manuskripte:

Walter Mund (Infanterieoffizier, teilweise veröffentlicht in Dähnhardt, Revolution in Kiel), Karl von Kunowski (Fähnrich und Wachoffizier auf der Markgraf)

Berichte in Literatur, Presse:

Karl Jonas - Eckernförder Zeitung, Serie (unvollständig) 1968 sowie Flensburger Tageblatt, Artikel 1978 (siehe unten); Karl von Kunowski, Fähnrich auf der Markgraf, - Kieler Nachrichten 1978; Martha Riedl, - Kieler Nachrichten 1978, Erhard Tewes - Kieler Rundschau, 15.4.1982.


Aufn. Flensburger Tageblatt, 1978

Jahrgang 1898

Karl Jonas war Marineangehöriger und berichtete in der Eckernförder Zeitung (1968) sowie im Flensburger Tageblatt (1978) u.a. von den Ereignissen in der Karlstraße

Beim Einbiegen in die Karlstraße sahen wir plötzlich eine geschlossene Polizeikette in etwa 35 Meter vor uns stehen. Weil ich in der ersten Reihe der Demonstranten stand, konnte ich alles genau sehen und auch alle Befehle der anderen Seite hören. ... Einer der Polizisten forderte uns auf, stehenzubleiben. Ich wäre gerne stehen geblieben, aber hinter uns drückte die dichtgedrängte Menschenmasse wie eine Dampfwalze langsam nach vorne. Ganz plötzlich rannten alle Polizisten in die Nebenstraße. Erst jetzt sah ich einen Trupp junger Matrosen in Linie von Hauswand zur anderen Hauswand stehen, in einer Entfernung von etwa 35 bis 40 Metern. Sie waren nur mit Pistolen bewaffnet. Vor ihnen stand ein junger Offizier. Wir wurden weiter vorwärts gedrängt. Da rief der Offizier mit lauter Stimme: „Halt, nicht weitergehen!" Sofort danach fiel aus der zweiten Reihe unseres Demonstrationszuges links hinter mir, ein Gewehrschuß. Ein Zivilist, der aus der Waldwiese ein Gewehr und Munition mitgenommen hatte, traf mit diesem Schuß einen jungen Matrosen der Truppe, der am linken Flügel stand. Mit einem kurzen Aufschrei fiel der Soldat dicht an der Hauswand nach vorne hin.

Anm. KK: Jonas widerspricht mit dieser und seiner weiteren Darstellung zentralen Aussagen zeitgenössischer Berichte und Dokumente.

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Aufn. Kieler Nachrichten, 1978

Foto Kunowski

Jahrgang 1897

Karl von Kunowski war Fähnrich und Wachoffizier auf der Markgraf. Er schrieb seine Erlebnisse vermutlich noch 1918 auf. Ein kurzes Statement von ihm wurde in den Kieler Nachrichten am 3.11.1988 veröffentlicht.

Freitag,8. Nov.1918: Morgenwache gegangen, aber nichts veranlaßt, die Routine wird noch eingehalten. Leute fragen WO, machen aber auch alles mögliche selbständig. Am Nachmittag gegen 4 Uhr wurde gepfiffen, alle Mann achter raus, auch Offiziere. ... Ein Maschinistenmaat sprach über den Soldaten- und Arbeiterrat, der sich über die ganze deutsche Küste erstrecken und die sogen. Radikalen d.h. geläuterten Sozialisten umfassen soll. Der Soldatenrat verfolgt zwei Ziele: 1. Die Abschaffung des preußischen Militarismus, 2. Die beschleunigte Einleitung von Friedensverhandlungen. Die jetzige Regierung könnte dieses nicht, sie ist bestochen. Die Männer der Regierung sind dazu nicht geeignet, denn wir wollen keinen Kapitalistenfrieden, sondern einen Arbeiter- und Soldatenfrieden.
....
Alle Macht liegt in den Händen des Sold.rates. ... Den Offizieren ist es freigestellt, auszusteigen oder achtern mit an Bord zu bleiben. Fahren oder sonst sich beteiligen sollen sie nicht.
...
Um neun Uhr abends findet in der Messe eine Sitzung statt. Kapitän Heizing sagt, daß es nach seiner Aussprache mit dem Kommandanten u. Admiral unbedingt nötig sei, an Bord zu bleiben, so schwer dieses auch fiele, und zwar um einmal in jedem Falle für die Sicherheit des Schiffes zu sorgen und ev. die Leitung zu übernehmen, sowie zweitens um bei Änderung der Verhältnisse entsprechend eingreifen zu können, z.B. bei AußerdienstStellung der Flotte. Außerdem dankte voraussichtlich S.M. der Kaiser ab, so daß wir unseres Treueides entbunden würden.
...
Der Arb.-u.Sold.-rat befahl, daß sich die Offiziere an der Fahrt nach Kiel nicht beteiligen sollten, .... Markgraf führte das dritte Geschwader in Kiellinie 25 Sm. Der Steuermann wurde gewzungen[!], die Schiffsführung zu übernehmen auf Anweisung des Sold.-rats. Der Signalmeister mußte die Wache an Deck gehen.
...
In die Offiziersmesse kommen zwei Unteroffiziere des Sold.-rates und verkündigen, daß jetzt alle Mahlzeiten ohne Unterschied für verschiedene Dienstgrade zubereitet werden. Außerdem teilen sie mit, daß die Offiziere sich bis morgen früh um 10 Uhr sich entscheiden sollen, ob sie zu dem Soldatenrat gehören wollen oder nicht. Im ersteren Fall soll der Dienst unter den bereits genannten vorläufigen Bedingungen im Einvernehmen mit dem Herrschenden Soldatenrat weitergehen. Werden dagegen die Forderungen des Sold.-rats nicht unterschrieben, sind sie frei, d.h. ihr Dienst ist dann quittiert.

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Update: 15.1.2017

 
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